Foto: Sebastian Reuter:Getty Images for Danny Reinke

Natur ist omnipräsent. Mit Numinous präsentierte Danny Reinke zur Berlin Fashion Week eine Kollektion, die den Wald nicht als bloße Kulisse, sondern als eigenständige Kraft versteht. Die Inszenierung verdichtete den Raum zu einer intensiven, beinahe rituellen Atmosphäre, getragen von Live-Musik, gedämpfter Lichtführung und einer klaren erzählerischen Dramaturgie. Die Kollektion bewegt sich zwischen Prêt-à-Couture und skulpturalen Entwürfen, deren Silhouten zugleich Geborgenheit und Fragilität vermitteln. Volumen trifft auf präzise Schnitte, lange Linien auf fragmentierte Formen. Mäntel, Kleider und Ensembles aus Fake Fur sowie Schurwolle nehmen eine zentrale Rolle ein. Beinahe lebendig, erscheinen sie wie tierhafte Wesen, die sich aus dem Dunkel lösen und den Raum aufmerksam beobachten.

Im Mittelpunkt der Gestaltung steht Materialität. So entstehen aus einem bewussten Materialmix aus Tüll, transparenten Stoffen sowie recycelten und Deadstock-Textilien Kleidungsstücke mit einzigartigen Oberflächenstrukturen.

Teile der Kollektion wirken bewusst unvollständig – organisch gewachsen, wie Momentaufnahmen eines fortlaufenden Prozesses. Großvolumige Tüllsilhouetten und ausladende Rüschen, scheinen jenseits klarer Konturen wie in steter Bewegung. Dieses Spiel von Form und Auflösung setzt sich in surreal gestalteten Gesichtern aus aufwendigem Leder-Patchwork und Perlenapplikationen fort, inspiriert von der expressiven Bildwelt Edvard Munchs und Ernst Ludwig Kirchners: verzerrt, intensiv, zwischen innerer Anspannung und Ausdruckskraft oszillierend. Ein wesentlicher Bestandteil der Kollektion sind selbst gewebte Stoffe aus gesammelten Restmaterialien. Seile, Woll-, Filz- und Lederreste, Bast und andere Naturmaterialien verschiedenster Herkunft verschmelzen zu einem neuen, eigenständigen Gewebe. Handgestrickte Pullover, Mützen, Handschuhe und Accessoires von grober Struktur fügen der Kollektion eine Ebene von Schutz und Wärme hinzu. Leichte, chiffonartige Materialien legen sich wie Nebel im Morgengrauen über schwere Texturen, lösen sie partiell auf und schaffen flüchtige Kontraste. So fügt sich das Bild einer Kollektion, die zwischen Natur und Kunstwelt, zwischen äußerer Realität und innerer Wahrnehmung oszilliert – geheimnisvoll, roh und zutiefst emotional.

Die Farbpalette bleibt bewusst reduziert und erdig. Unterschiedliche Braun- und Grautöne sowie moosgrüne Nuancen prägen das Gesamtbild, ergänzt durch gebrochene Naturfarben. Vereinzelte helle Akzente in Weiß und Creme setzen gezielte Lichtpunkte – wie Lichtungen im Wald. Nichts drängt sich in den Vordergrund; alles wirkt konzentriert, ruhig und atmosphärisch verdichtet.

Kollaboration mit WALA DESIGN LAB

Die Kollaboration mit Sungyi Lee von WALA DESIGN LAB eröffnet einen Dialog eigenständiger gestalterischer Positionen innerhalb der Kollektion. Ihre Arbeiten bringen eine persönliche Formensprache und Materialästhetik in die Präsentation, die den Dialog zwischen unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen von Natur und Spiritualität sichtbar macht. Sungyi Lee, Gründerin von WALA DESIGN LAB, steht für eine ganzheitliche Designhaltung, in der Raum, Material und Atmosphäre als zusammenhängendes Erlebnis gedacht werden. Ihre Arbeit verbindet architektonische Klarheit mit emotionaler Tiefe und einem starken Gespür für Narrative. Sie stellt nachhaltige Materialien, präzise Gestaltung und die bewusste Reduktion auf das Wesentliche in den Mittelpunkt ihres Schaffens. Die Zusammenarbeit von Danny Reinke und Sungyi Lee basiert auf dem Einklang beider Labels, Design als Ausdruck von Verantwortung, Identität und Kontext zu verstehen. Bei WALA DESIGN LAB bezieht sich Gestaltung nicht auf die bloße Oberfläche, sondern ist eine gelebte Haltung mit dem Anspruch, Räume zu schaffen, die Wirkung entfalten und zugleich sensibel mit Ressourcen umgehen.

Musik & Performance

Ein weiterer, aktiver Teil der Inszenierung war die Livemusik-Performance von Bionic and the Wires. Mittels Pflanzen erzeugt das Künstlerkollektiv Klang und Rhythmus in Echtzeit und machen Natur selbst zum musikalischen Akteur. Sound als Stimme des Waldes – Bild, Klang, Raum und Material greifen ineinander und vermitteln ein Gefühl von Nähe, Unruhe und Ehrfurcht. So machte die Numinous Runway Show Mode zu einem Gesamterlebnis – keine klassische Modenschau, sondern eine atmosphärische Erfahrung, in der Kleidung, Natur und Technologie miteinander kommunizieren./PM/